Die Dechenhöhle

Das unterirdische Zauberreich des Sauerlandes
von Dr. Stefan Niggemann

Internet: www.dechenhoehle.de

„Wir treten ein. Jahrtausende hindurch
War fest verschlossen diese Felsenburg –
Ha, welche Pracht! Schau nach der Decke droben!
Ein Domgewölb´ von funkelndem Krystall –
Und dort ein eisgewordner Wasserfall,
Ein Schleier dort, von der Natur gewoben.

Ein Palmenwald, dort eine Orgel gar,
Und hier ein Wasserbecken, silberklar
Darin die Flut und silberklar die Säulen,
Die es umstehn! Und hier von blankem Kalk –
O schaut nur – eines Bischofs Katafalk!
Und dort – o seht – sind es nicht Riesenkeulen?“

(Emil Rittershaus, 1834 – 1897)

Als um den 11. Juni 1868 – das genaue Datum ist nicht bekannt – ein Eisenbahnarbeiter am Südhang des Sonderhorstberges im Grünertal seinen Hammer in einen schmalen Felsspalt fallen liess, war dies der Startschuss für eine der atemberaubendsten Höhlenentdeckungen in Deutschland. Der Dichter des Westfalenlieds Emil Rittershaus (1834-1897) war nicht der einzige prominente Zeitzeuge, der sich von der Schönheit der neuen Höhle in der Grüne beeindrucken liess. Johann Carl Fuhlrott (1803-1877), der Forschungspionier und Entdecker des Neandertalers, schilderte seinem Freund, dem Naturwissenschaftler Prof. Carl Vogt (1817 – 1895) folgendes: „…diese neue Höhle übertrifft an Schönheit der Tropfsteingebilde, an Zahl der Kammern und gewölbten Säle Alles, was bis jetzt noch entdeckt wurde, und darf sich in dieser Beziehung den bekanntesten und besuchtesten (Höhlen) kühn an die Seite stellen!“. Auch schwärmte Fuhlrott von der Lage der Höhle inmitten einer Landschaft mit prächtigen Felsgruppen, die man die „westfälische Schweiz“ nennen könnte! Der „Mönch und die Nonne seien die hervorragendsten dieser Felsen“. Fuhlrott liess in den Bodenschichten der neuen Höhle verschiedene Schürfe anlegen und identifizierte die zahlreichen ausgegrabenen eiszeitlichen Tierknochen.

Heinrich von Dechen
Heinrich von Dechen

Schon etwa einen Monat nach der Entdeckung war ein Führungsweg durch den vorderen Teil der Höhle angelegt und im gleichen Jahr besichtigten bereits einige tausend Menschen das unterirdische Zauberreich der neuen Höhle in der Grüne. Als der Geologe und Oberberghauptmann Heinrich von Dechen (1800 – 1889) am 14. August 1868 zum ersten Mal in Begleitung des Anthropologen Prof. Schaaffhausen die neuentdeckte Tropfsteinhöhle besuchte, äußerten die weitgereisten Forscher den Wunsch, dass „dieses herrliche Naturwunder durch alle Mittel vor zerstörerischen Händen bewahrt werde!“ Von Dechen regte an, eine „durch Schwemmgebilde verstopfte Seitenschlucht“ als bequemeren seitlichen Zugang zur Höhle zu öffnen. Im November 1868 gab Prof. Karl Vogt bei seiner Höhlenbesichtigung der neuen Höhle den Namen „Iserlohner Höhle“. Erst Anfang 1869 verlieh die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft als Höhleneigentümerin dann den Namen „Dechenhöhle“ zu Ehren des hochverdienten Oberberghauptmanns Heinrich von Dechen. Die größten Verdienste zur Erforschung der Dechenhöhle gebühren allerdings Johann Carl Fuhlrott, der bereits 1869 einen „Führer zur Dechenhöhle“ veröffentlichte und in seinem Büchlein über die „Höhlen und Grotten in Rheinland-Westphalen“ zahlreiche geologische und paläontologische Fakten zur Entstehung unserer Höhlen zusammentrug, die bis heute Gültigkeit haben. Das Heft enthält auch einen ersten Plan der Dechenhöhle, der durch den Eisenbahnbaumeister Sebaldt erstellt wurde und etwa 280 m Gänge enthält. Auch der berühmte Arzt und Abgeordnete Rudolf Virchow (1821 – 1902), der sich gegen Fuhlrotts Ansprache des Neandertalers als frühe Form des Menschen stellte, bemerkte zum „wunderbaren Tropfsteinschmuck“ der Dechenhöhle, dass er sich „mit höchstem Vergnügen einige Stunden darin bewegt habe.“

Johann Carl Fuhlrott
Johann Carl Fuhlrott

Nach der anfänglichen Forschungsbegeisterung ließ das wissenschaftliche Interesse an der Dechenhöhle aber schnell nach und der Tourismus nahm seinen Aufschwung: 1869 kamen bereits mehr als 30.000 Besucher, 1890 waren es bereits 45.000. Die ersten Besucher wurden von Eisenbahnarbeitern bei Fackel- und Kerzenbeleuchtung durch die Höhle geführt. Um eine Verrußung der Tropfsteine zu vermeiden, beleuchtete man die Höhle ab 1871 mit Fettgas, das in einer eigenen Gasanstalt vor dem Höhleneingang produziert wurde. 1890 installierte die Bahn als eine der weltweit ersten Höhlen eine elektrische Beleuchtung.

1910 wurden unter Beteiligung des von Dr. Benno Wolf (1871 – 1942) gegründeten Rheinisch-Westfälischen Höhlenforschungsvereins in Elberfeld neue Höhlenteile entdeckt, die ab 1921 bis zu dem heutigen Ausgang erschlossen wurden. Der Landrichter Wolf war einer der Mitbegründer des Hauptverbandes deutscher Höhlenforscher und wurde 1942 aufgrund seiner jüdischen Abstammung im KZ Theresienstadt ermordet. 1912 suchte der Lehrer und Heimatforscher Heinrich Kleibauer (1882 – 1973) die neuen Höhlenteile auf und veröffentlichte 1926 eine erweiterte Beschreibung der Dechenhöhle, die bis in die 1980er Jahre in leicht veränderter Form nachgedruckt wurde.

Im Zweiten Weltkrieg dienten die westlichen Teile der Dechenhöhle und die Wolfsschlucht als Luftschutzräume für die örtliche Bevölkerung. Nach dem Krieg erlebte die Dechenhöhle dann ihre touristische Blütezeit. 1951 besuchten über 322.000 Menschen die Tropfsteinwelt in der Grüne. Die Besucherzahlen ließen nach der Eröffnung der A 45 und zunehmender Konkurrenz durch andere Höhlen und Freizeiteinrichtungen in den 1970er Jahren stark nach. 1980 kamen noch etwa 120.000 Besucher. Ein Jahr zuvor wurde am Höhlenparkplatz das Höhlenmuseum der Studiengemeinschaft für Vorgeschichte und Höhlenkunde eröffnet, die Keimzelle für alle musealen Aktivitäten rund um die Dechenhöhle.

Eisenbahner in der Dechenhöhle
Eisenbahner in der Dechenhöhle

Schon 1976 gründeten heimische Höhlenforscher, unter ihnen der Student und Höhlenführer Elmar Hammerschmidt die Speläogruppe Letmathe. Diese Gruppe wurde zur Triebfeder für die nun wieder stark zunehmenden Forschungsaktivitäten rund um die Dechenhöhle. Als 1983 die Deutsche Bundesbahn die Dechenhöhle in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) für 975.000 DM zum Verkauf anbot, war es Elmar Hammerschmidt, der sich an die Spitze einer Bürgerbewegung setzte, die dafür eintrat, die Dechenhöhle in öffentlicher Trägerschaft zu belassen. Schon 1868 schrieb Fuhlrott, dass man Ursache hat, „sich über die Gunst des Zufalles zu freuen, der die Höhle nicht zum Eigenthum eines vielleicht unbemittelten Privatmannes hat werden lassen.“ Manch andere wunderschöne Tropfsteinhöhle wurde nach der Entdeckung ausgeplündert. Dieses Schicksal sollte der Dechenhöhle auch in der Zukunft erspart werden. Dazu war es aber erst einmal nötig, dass die Höhle unter staatlichen Schutz gestellt würde. Dies beantragte die Dechenhöhle 1983 in einem aufsehenerregenden Leserbrief selbst, „abgelauscht und getreulich notieret von Elmar Hammerschmidt, Führer an der Dechenhöhle“. Am 28.11.1984 wurde die Dechenhöhle schließlich in die Denkmalliste der Stadt Iserlohn eingetragen. Die Bürgerbewegung erreichte schließlich, dass die Höhle nicht an einen privaten Träger verkauft wurde, sondern über die stadt- und kreiseigene Mark-Sauerland Touristik GmbH in öffentlicher Hand blieb. Als Höhlenpächter konnte Elmar Hammerschmidt gewonnen werden, der innerhalb kurzer Zeit die Wirtschaftlichkeit des Höhlenbetriebes wieder herstellen konnte.

Junge Höhlenforscher bei der Arbeit
Junge Höhlenforscher bei der Arbeit

Weitere Forschungen und eine neue Vermessung der Höhlengänge ließen die Gesamtlänge der Dechenhöhle bis heute auf knapp über 900 m ansteigen. Der Autor dieser Zeilen stieß 1981 zur Speläogruppe Letmathe und gehörte als 15jähriger Schüler zusammen mit anderen jungen Leuten zu den ersten Höhlenführern des neuen Betriebes. Gemeinsam wurden Höhlentagungen organisiert und ab dem Ende der 1980er Jahre kam es zu einer beispiellosen Entdeckungsphase, im Zuge derer die Länge aller bekannten Höhlen in der Umgebung der Dechenhöhle auf über 20 km anwuchs. Das wissenschaftliche Interesse an der Dechenhöhle und den anderen neuen Höhlen war endlich wieder erwacht und mit Prof. Dr. Detlev K. Richter von der Ruhr-Universität Bochum fand sich ein ebenso höhlenbegeisterter Mitstreiter. Seit 1999 wird in enger Kooperation mit dem Institut für Geologie, Mineralogie und Geophysik der Bochumer Hochschule in der Dechenhöhle und Umgebung geforscht und gegraben. Mittlerweile ist die Dechenhöhle auch das Ziel wissenschaftlicher Untersuchungen der Universitäten in Heidelberg, Mainz oder Innsbruck. Ein wichtiges Ziel der Untersuchungen ist dabei auch die Rekonstruktion des Klimas im Eiszeitalter.

2001 gründete sich der „Förderverein Dechenhöhle und Höhlenkundemuseum e.V.“, der mit großem Erfolg durch bürgerschaftliches Engagement Zugänge zu Fördertöpfen erschließt. 2006 konnte er schließlich mit großartiger Unterstützung der „Nordrhein-Westfalen-Stiftung für Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege“ sowie der Sparkasse Iserlohn und der Mark-Sauerland-Touristik GmbH in den Räumen der ehemaligen Gaststätte das Deutsche Höhlenmuseum Iserlohn einrichten. Damit befindet sich an der Dechenhöhle ein Zentrum für Höhlenforschung in Deutschland.

Der Förderverein versucht ein wenig zu kompensieren, was bei kommunalen Museen und Einrichtungen selbstverständlich ist: Die Förderung einer Kultureinrichtung durch öffentliche Gelder. Der Betrieb der Dechenhöhle erfolgte bislang ohne Zuschüsse. Dies ist seit vielen Jahren durch großen Einsatz und zahlreiche Sonderveranstaltungen möglich: Weihnachtliche Führungen mit Musik, Laternenführungen zu St. Martin, Kindergeburtstage, Konzerte und 2011 erstmals die Kunstveranstaltung „Höhlenlichter“. Trotzdem kommen bedingt durch den demographischen Wandel der Bevölkerung sowie die Konkurrenz neu geschaffener und subventionierter Kultur- und Freizeiteinrichtungen immer weniger Besucher in das „unterirdische Zauberreich des Sauerlandes“.

Mit dem Ausscheiden von Elmar Hammerschmidt übernahm 2011 der Autor die alleinige Betriebsführung, unterstützt von den langjährigen Mitarbeitern Rasmus Dreyer und Dr. Jörg Nolte. Das Ziel ist, die Dechenhöhle und das Deutsche Höhlenmuseum als überregionalen außerschulischen Lernort und Kulturstätte auszubauen. Gerade in Zeiten, wo Kinder und Jugendliche zunehmend den Kontakt zur Natur verlieren, besteht unsere Verantwortung darin, die besonders wertvollen Naturobjekte für alle als „Natur-Museen“ erlebbar zu erhalten!

Nixenteich in der Nixengrotte
Nixenteich in der Nixengrotte

 

Naturkundliches zur Dechenhöhle

Geologie
Die Dechenhöhle befindet sich in einer nur wenige hundert Meter breiten Massenkalksenke, die sich von Hagen ostwärts bis in das Hönnetal bei Balve erstreckt. Diese sehr reinen Kalksteine wurden und werden in großen Steinbrüchen abgebaut. Sie entstanden vor etwa 380 Millionen Jahren im oberen Mitteldevon, als der nördliche Teil des heutigen Sauerlandes von einem flachen, lichtdurchfluteten tropischen Schelfmeer bedeckt war. Je nach Wassertiefe lagerten sich Stromatoporen (Kalkschwämme) und Korallen, Schnecken und Brachiopoden (Armfüßer) oder einzellige Kleinstlebewesen mit ihren Kalkgehäusen im seichten Wasser zu ausgedehnten flachen Riffkrusten, sogenannten Biostromen an.

Dechenhöhle Letmathe Hinweisschild an der B236
Dechenhöhle Letmathe Hinweisschild an der B236

Im nachfolgenden Karbon wurden die Kalksteine zusammen mit den unter- und überlagernden Sand- und Tonsteinen zum varistischen Mittelgebirge aufgefaltet. Daher sind die ursprünglich waagerechten Gesteinsschichten in der Dechenhöhle und ihrer Umgebung heute schräg verstellt. Das spröde Kalkstein zerbrach bei diesen Faltungsvorgängen wiederholt.

Aus dem Zeitalter der Dinosaurier (Trias, Jura, Kreide) sind aus der Umgebung der Dechenhöhle keine wesentlichen Zeugnisse bekannt. Lediglich im Höhlenlehm finden sich Mikrofossilien aus der Kreidezeit, die über Spalten von der Karstoberfläche in die Höhle geschwemmt worden sind.

Vor etwa 20 Millionen Jahren im Tertiär begann sich das heutige Sauerland langsam emporzuheben. Schließlich führte eine Klimaverschlechterung vor etwa 2 Millionen Jahren zum Eiszeitalter (Quartär). Phasenweise wechselten sich Kalt- und Warmzeiten ab. Zu Beginn der Kaltzeiten tieften sich die Flüsse erosiv in den Taluntergrund ein und der Grundwasserspiegel sank ab. In den Warmzeiten dagegen blieben die Talauen und somit der Grundwasserspiegel weitgehend unverändert. Zu diesen Zeiten konnten Risse und Fugen im Kalkgestein durch kohlensäurehaltiges Grundwasser aufgelöst und zu Höhlen erweitert werden. Durch das Absinken des Grundwasserspiegels in der nachfolgenden Kaltzeit fiel die entstandene Höhle trocken, so daß sich auf einem unteren Niveau im Berg später ein neues Höhlensystem entwickeln konnte. Die Dechenhöhle diente so lange Zeit als unterirdischer Entwässerungskanal und als Flußlauf. Vermutlich bildete sie sich in ihrer heutigen Gestalt in einer Warmzeit vor mehr als 800.000 Jahren. Heute fließt das Wasser in der 25 m tiefer gelegenen Knitterhöhle. Alle Höhlen des Grünerbach- und Lennetals erstrecken sich weitgehend auf verschiedenen horizontalen Niveaus.

In den trockengefallenen Gängen der Dechenhöhle begann die Tropfsteinbildung in der nachfolgenden Warmzeit. Das in den Untergrund eindringende Regenwasser löst entlang von Rissen und Klüften Kalk auf. Dieses mit Kalk gesättigte Sickerwasser gibt beim Eintritt in die lufterfüllte Höhle Kohlendioxid ab. Als Folge scheidet sich ein Teil des gelösten Calciumkarbonats als Tropfstein (Höhlensinter) aus. An der Höhlendecke bilden sich herabwachsende Stalaktiten, auf dem Boden entstehen durch das auftreffende Wasser nach oben wachsende Stalagmiten. An manchen Stellen vereinigen sich Stalaktiten und Stalagmiten zu Säulen. An den Wänden abrinnendes Wasser erschafft hauchzarte Sintergardinen. Darüber hinaus finden sich zahlreiche weitere Sinter- und Kristallbildungen in der Dechenhöhle. Mittels der aufwendigen physikalischen Thorium-Uran-Methode wurde das Alter einiger Tropfsteine bestimmt. Die älteste Datierung ergab einen Wert von etwa 500.000 Jahren. Die jüngsten Tropfsteine sind nach der letzten Eiszeit gewachsen und sind somit an der Basis etwa 10.000 Jahre alt. Das Tropfsteinwachstum schreitet heute weiter fort.

 

Dermoplastik einer Höhlenbärin mit ihrem Jungtier
Dermoplastik einer Höhlenbärin mit ihrem Jungtier

Fossile Knochenfunde
In den mehrere Meter tief herabreichenden Bodenschichten der Dechenhöhle wurden tausende Knochen und Zähne der Tierwelt des Eiszeitalters entdeckt. Vorherrschend sind Überreste des Höhlenbären, vertreten sind auch Höhlenlöwe, Höhlenhyäne, Rentier, Riesenhirsch, Mammut und wollhaariges Nashorn. 1993 entdeckten Höhlenforscher einen vollständig erhaltenen Oberschädel des seltenen Wald- oder Merck`schen Nashorns in einer Nebenhöhle der Dechenhöhle. Dieses Nashorn lebte im Gegensatz zu seinen behaarten Verwandten in den Warmzeiten und ist vor etwa 80.000 Jahren ausgestorben. Der Schädel ist im Höhlenkundemuseum ausgestellt. Januar 2000 wurde bei einer wissenschaftlichen Grabung das Skelett eines Höhlenbären-Babys entdeckt. Die zahlreichen Knochen des Höhlenbären zeigen, dass dieser Großbär die Dechenhöhle zum Winterschlaf und als Sterbeort aufgesucht hat.

Spuren der Anwesenheit des Menschen wurden bislang in der Dechenhöhle nicht gefunden. Allerdings gibt es Zeugnisse einer Besiedlung des Grüner Tals durch Neandertaler, wie Funde von Steinwerkzeugen in benachbarten Höhlen belegen. Darüberhinaus fanden Höhlenforscher 1992 in der talaufwärts gelegenen Bunkerhöhle vom Urmenschen bearbeitete Skeletteile einer 45.000 Jahre alten Rentierkuh. Auch diese Knochenfunde sind im Museum zu besichtigen.

Heutige Lebewelt
Höhlen in Mitteleuropa werden nur von wenigen Tierarten aufgesucht. Dunkelheit, die hohe Luftfeuchtigkeit und die gleichbleibende Temperatur von 8-10 °C stellen hohe Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit der Lebewesen. Die dauerhaft in Höhlen lebenden Tiere sind Kleinlebewesen, die der Höhlenbesucher kaum bemerken wird. Auffallender sind da die Fledermäuse, die vereinzelt in der Höhle umherfliegen. Am häufigsten kommt die Wasserfledermaus vor. Im Eingangsbereich der Dechenhöhle bauen die bis zu 5 cm großen Höhlenspinnen ihre Netze. Desweiteren überwintern manche Falterarten wie Zackeneule, Wegdornspanner und Tagpfauenauge in den eingangsnahen Höhlenbereichen.

In beleuchteten Höhlen wie der Dechenhöhle entwickeln sich in der Nähe der Lampen Algen, Moose und Farne zu einer Lampenflora. Pilze siedeln vereinzelt auf Fledermauskot oder Nahrungsresten von Tieren und Menschen.

Geologe Dr. Stefan Niggemann mit einer Besuchergruppe
Geologe Dr. Stefan Niggemann mit einer Besuchergruppe

 

Rundgang durch die Dechenhöhle

Durch den drei Meter über der Bahnstrecke gelegenen Eingang gelangt man in den ersten Höhlenraum, der wegen seines kirchenähnlichen Gewölbes Kapelle getauft wurde. Über der Eingangstür weisen die Jahreszahl 1868 und ein Pfeil auf die Entdeckungsstelle der Höhle hin. Im hinteren Teil des Raumes liegen zahlreiche umgestürzte und herabgefallene Sinter verkittet auf der Bodensinterschicht. Dort befindet sich auch die Stalagmitengruppe “Heilige Familie”. Im Hintergrund verbirgt sich die durch Abräumung der Bodensinter geöffnete Knochengrube, deren Sedimente sich unter die Eingangshalle fortsetzen.

Durch ein tunnelartiges, niedriges Gangstück, Gletschergrotte genannt, erreicht man den langestreckten Laubengang, der zierliche Tropfsteinsäulen und Sintergardinen aufweist. Von dort führt ein Tunnel nach Westen bis zur Orgelgrotte, deren westliche Gangbegrenzung mit den üppigen Tropfsteinkaskaden der Orgel geschmückt ist.

An dem vielfach gewundenen und gerippten Vorhang der Vorhanggrotte vorbei wird die Königshalle erreicht. Hier zeigen sich an der südlichen Wandseite sehr deutlich die mit ca. 70 Grad nach Norden einfallenden Kalkbänke. An Versteinerungen sind vor allem Brachiopoden gut zu erkennen. Ausgangs der Königshalle stehen rechterhand zwei mächtige Stalagmiten der älteren Sintergeneration.

In der Königshalle befindet sich die seit 1999 eingerichtete geologisch-paläontologische Ausgrabung. Die Besucher können originale Höhlenbärenknochen in den Profilwänden der Grube erkennen.

Die Kanzelgrotte verdankt ihren Namen einem in Form einer Kirchenkanzel ausgewaschenen, herabhängenden Felsstück. In der Mitte hängt von der Höhlendecke der “Kronleuchter” herab, vielleicht die schönste Stalaktitengruppe der Dechenhöhle. Nach Süden zweigt hier der ehemalige Ausgang ab, der mit mehreren Seitengängen einen Höhepunkt bei den Erlebnisführungen darstellt.

Dechenhöhle

Eine Treppe führt aus der Kanzelgrotte etwa 8 m hinauf auf Versturzfelsen in die Nixengrotte zum 1,50 m tiefen, zauberhaft schimmernden “Nixenteich”. Von dort wandert man am Blockfeld der Höllenschlucht vorbei wieder treppab in die Grufthalle. Hier erinnert ein umgestürzter länglicher Tropfstein an einen Sarg. An der Rückwand der Halle schlängelt sich ein durchscheinender Tropfsteinvorhang hinab, dessen rotbraune Streifen auf Einlagerungen von Eisenoxyd zurückzuführen sind.

Der Weg führt weiter zur Palmengrotte, deren Prachtstück die 2,80 m hohe “Palmensäule” ist. Daran schließt sich die Säulenhalle an, die mit mehreren Säulen und zahlreichen kleinen und größeren Sinterbecken geschmückt ist.

Die Wände der Kristallgrotte sind mit zahlreichen Riffkalkfossilien wie Stromatoporen und Korallen bedeckt. Auf Boden und Rändern eines langgestreckten flachen Teiches haben sich tausende kleiner Calcitkristalle gebildet.

An vier großen Stalagmiten vorbei wird die Kaiserhalle erreicht. Rückblickend bewundert man eine mehrere Meter hohe Sinterkaskade, die nach unten in langen Sintervorhängen ausläuft sowie den Baumkuchen oder Tropfsteinkaiser, einem der prächtigsten Stalagmiten der Dechenhöhle. Oberhalb der Kaskade führt ein schmale Kluft aufwärts, bis feine Wurzelfasern die Nähe der Oberfläche anzeigen. Dauerregen erreicht hier schon nach etwa 24 Stunden den Hauptgang, während es im Bereich der “Orgel” einer mehrwöchigen Schlechtwetterperiode bedarf, bis der Regen in die Höhle eingedrungen ist.

Mit dem größten Raum der Höhle, der Wolfsschlucht, ändert sich die Ausformung der Höhlenganges. Bis hierhin wechselten tunnelförmige, dem Schichtstreichen folgende Gangstücke mit an Nord-Süd-Klüften entstandenen, deutlich höheren Gangpartien ab. Nun wird der Gangverlauf stark durch Versturz und eingebrachte Sedimente überprägt. Auf alten Fotos ist der gesamte Bodenbereich der Wolfsschlucht mit abgestürzten Blöcken bedeckt. Hier wurde der Führungsweg durch Sprengungen und Abgrabungen angelegt.

Kurz vor dem künstlichen Ausgangsstollen grub man sich unter einem tropfstein-geschmückten Sintergang hindurch etwa 2 m tief in die Bodenschichten hinein. An den Wänden sind mehrere horizontal verlaufende Sinterdecken zu erkennen, die eine wechselnde Abfolge von Sinterbildungen und Sedimentablagerung aus den letzten 400.000 Jahren belegen.

Das westliche Ende der Dechenhöhle wird in einer mit Sediment und großen Versturzblöcken verfüllten Kluft erreicht. Da die Höhle hier nur wenige Meter unter der Oberfläche liegt, ist sie vermutlich durch offene Spalten oder Deckeneinbruch mit Sediment versiegelt worden. Zwanzig Meter davor führt vom Gemüsegarten ein künstlicher Stollen wieder ans Tageslicht.

Weitere Informationen zur Dechenhöhle unter www.dechenhoehle.de.

 Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors

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